Reichelt: „Sie sind ja eine schäbige Lump:in!“
Hurra, ein Mysterium hat sich aufgelöst. In Wohlgefallen zwar nicht, aber immerhin. Lange konnte ich nicht genau sagen, an wen mich Julian Reichelt erinnert, wenn er sich über Israelkritiker aufregt. Seit dem jüngsten Machwerk in seiner „Oppositionspostille“ weiß ich es. Reichelt erinnert mich an Roland Freisler.

Es gibt tausend gute Gründe dafür, die Grünen insgesamt zum Teufel zu wünschen. Julian Reichelt kapriziert sich ausgerechnet auf einen, der keiner ist. Bei „NIUS“ läßt er sich von Frau Pauline Voss den Ärger von der geifernden Krämerseele schreiben. Er wird doch seine Leser nicht mit Freislers Publikum beim Volksgerichtshof verwechselt haben? Daß die Frau Pauline Voss nichts in die Tasten gehauen hat, das nicht auch von Reichelt selbst hätte getippt werden können, ergibt sich aus Reichelts früheren Einlassungen zum Thema. Die waren sachlich genauso unhaltbar wie das, was die brave Frau Voss hier zum Vortrage bringt. Ist „NIUS“ am Ende ein Medienerzeugnis für die völlig Verblödeten in der Republik?
„Die Kufiya ist auf der ganzen Welt ein Symbol des bewaffneten Kampfes der Palästinenser gegen Israel. Berühmt machte das Tuch Yassir Arafat, der Anführer der PLO, der verantwortlich für militärische und terroristische Angriffe auf Israel war. Heute wird es auf Anti-Israel-Demonstrationen getragen, auf denen mit Parolen wie „From the River to the sea“ zur Vernichtung Israels aufgerufen wird.“
Reichelts Pauline hätte sich ja wenigstens einmal schlau machen können über die Kufiyah, bevor sie sich darüber ausläßt. Die Kufiyah hat ihre Bezeichnung von der Stadt Kufa im Irak. Getragen wird sie seit jeher von Beduinen und sesshaften Bauern. Die Kufiyah wurde im gesamten arabischen Raum ein traditionelles Kleidungsstück und ist noch heute gebräuchlich. Als Kopfbedeckung dient sie gegen die sengende Sonne, bei Wüstenstürmen schützt sie Augen und Mund vor Sand und Staub. Daß Yassir Arafat die Kufiyah getragen hat, dokumentiert lediglich, daß er wahrscheinlich eine Lederhose, Wadlstrümpfe und Haferlschuhe getragen hätte, wäre er Bayer gewesen. War er halt nicht. Bekannt wurde die Kufiyah nicht wegen Arafat, sondern wegen des schier endlosen israelisch-arabischen Kriegs im Nahen Osten. Wenn über den in den Nachrichten etwas kam, war eben auch Arafat der Araber zu sehen.
Allerdings war zu Arafats Zeiten auch noch jemand anderes in den Nachrichten zu sehen: Arafats zionistischer Gegenspieler, der israelische Premier Menachem Begin zum Beispiel.

„ardalpha“ über Friedensnobelpreisträger, die eigentlich keine gewesen wären: „Menachem Begin, Friedensnobelpreis 1978. Es ist einer der Nobelpreise, für die sich spätere Mitglieder des Nobelkomitees entschuldigt haben: die Auszeichnung des einstigen israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin, der als Terrorist und Hardliner bekannt war. Eigentlich wollte das Nobelkomitee nur den ägyptischen Präsidenten Anwar Al Sadat für seinen Friedenskurs mit Israel ehren, sah sich aber gezwungen, auch Begin ‚für die gemeinsame Versöhnungspolitik‘ den Preis zukommen zu lassen.„
Was gäbe es noch zu wissen über den Friedensnobelpreisträger des Jahres 1978? – Das hier: „Als Begin 1942 in Palästina aus der „Anders-Armee“ entlassen wurde, trat er in die zionistische paramilitärische Untergrundorganisation Irgun Zwai Leumi (auch als Etzel bekannt) ein, die mit terroristischen Mitteln gegen die britische Mandatsmacht und arabische Palästinenser kämpfte. Begin wurde 1943 deren Anführer. Begin war verantwortlich für den Sprengstoffanschlag auf das King David Hotel 1946 in Jerusalem, bei dem 91 Menschen ums Leben kamen (unter anderem 28 britische Staatsangehörige, 41 Araber, 17 Juden). Unter Begins Befehl wurden zwei britische Soldaten – Clifford Martin und Mervyn Paice – entführt und gehängt. Begin wurde anschließend von den Briten steckbrieflich gesucht. Er tarnte sich unter anderem als bärtiger Rabbi Sassover. Umstritten ist Menachem Begins Verwicklung in das Massaker von Deir Yasin vom 9. April 1948 an Arabern. Allerdings hat Begin selbst von einem Massaker gesprochen und dieses gerechtfertigt. Manche Historiker, so der im englischen Exeter lehrende Israeli Ilan Pappe, werfen der von Begin geführten Irgun systematische ethnische Säuberung und Massaker an der arabisch-palästinensischen Beölkerung vor.“
Reichelts Pauline jedoch recht folgsam: “ … Yassir Arafat, der Anführer der PLO, der verantwortlich für militärische und terroristische Angriffe auf Israel war.“ – Was soll das sein? Kalkül mit der geschichtlichen Unbildung von „NIUS“-Lesern? Leserverarschung? Es war noch nie anders: Des Einen Terrorist ist des Anderen Freiheitskämpfer. Das wäre nicht der Rede wert, es sei denn, man folgte einer bestimmten Agenda. Reichelt hat auf jeden Fall eine, oder besser: er scheint eine haben zu müssen. Schließlich finanziert der CDU-nahe Milliardär Frank Gotthardt die Postille, deren Aushängeschild Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt ist. „Bild“ ist Springerverlag – und Axel Springer dekretierte für seinen Verlag dieselbe Israelhörigkeit, die schon in der deutschen Politik den Rang einer „Staatsräson“ hat – und zwar ganz egal, was israelische Politiker zu irgendeiner Zeit tun und lassen. Der Unternehmer Gotthardt wird schon gewußt haben, wen er da recht großzügig finanziert. Und Reichelt wird wissen, was bei „NIUS“ deshalb als wahr verkauft zu werden hat. 99 Euro kostet übrigens ein Jahresabo von „NIUS“. Rausgeworfenes Geld. Dämliche Propaganda im Tonfall von Roland Freisler gibt es woanders kostenlos. Oft genug bei Matisseks „Ansage.org“ zum Beispiel. Oder bei Matisseks „Jouwatch“.
Zweifellos gab es militärische und terroristische Angriffe der PLO auf Israel. Das waren allerdings Angriffe auf einen Staat, der sich selbst wesentlich auf Terror gründet und bis heute kein Problem mit seinen eigenen, durchaus staatsterroristischen Gepflogenheiten hat. Allein den israelischen Mossad-Rachefeldzug gegen die Hintermänner des Olympia-Attentats von 1972, welchem elf israelische Sportler zum Opfer gefallen waren, bezahlten neun Unschuldige mit ihrem Leben – und alle außerhalb Israels. Acht starben 1979 im Libanon, vier Leibwächter des „roten Prinzen“ Ali Hassan Salameh als einem der Hintermänner von 1972 und vier Zivilisten, unter ihnen eine britische Nonne und ein deutscher Student. Ein Unschuldiger wurde am hellichten Tag und auf offener Straße im norwegischen Lillehammer vor den Augen seiner schwangeren Ehefrau erschossen, der marokkanische Kellner Ahmed Bouchiki.Die Killer Bouchikis, ANgehörige der Caesarea-Einheit des Mossad, wurden von den Norwegern jedoch gefaßt. In der Folge kam es nicht nur zu einer schweren Belastung der norwegisch-israelischen Beziehungen, sondern zu einer israelischen Staatskrise als weiterer Folge dessen.
Reichelts Pauline hätte besser ihren Mund gehalten, anstatt so offensichtlich auszustellen, wofür man bei „NIUS“ die eigenen Leser hält: Für propagandistisch zu verwertendes „Menschenmaterial“, über dessen historische Unbildung man bei „NIUS“ zum eigenen Wohl & Frommen frei verfügen darf. Von der penetranten Bezeichnung Israels als einem „jüdischen Staat“ noch kein Wort geschrieben.
Der „jüdische Staat“

Hier deshalb ebenfalls ein kleiner Ausflug in die Geschichte: Es war kein Geringerer, als der später (1942) von den Briten erschossene Zioterrorist Avraham Stern, Anführer der Terrororganisation „Lechi“, der es für eine gute Idee gehalten hatte, die Kriegsgegnerschaft Großbritanniens und des Dritten Reiches um sie für bare Münze zum Zweck der Gründung eines zionistischen Staats im Nahen Osten anzuzapfen, indem er ausgerechnet die deutschen Nationalsozialisten zu diesem Behufe um Unterstützung anging. Damals suchten Zionisten überall auf der Welt nach Unterstützern für ihre geplante Staatsgründung. Aber das war schon lange vorher so, zum Beispiel im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert, als sich der zionistische Säulenheilige Theodor Herzl (1860-1904) um das Wohlwollen des italienischen Königs Vittorio Emmanuele III. bemühte. Als der König von Herzl wissen wollte, ob es immer noch Juden gebe, die auf die Ankunft des Messias warten, versicherte ihm Herzl: „Naturgemäß gibt es die in den religiösen Kreisen, Euer Majestät. In unseren eigenen Zirkeln jedoch, den universitär ausgebildeten und aufgeklärten Klassen, existiert ein solcher Gedanke nicht (…) unsere Bewegung hat einen rein nationalen Charakter.“
Umso unverfrorener ist es von Reichelts Pauline Voss, wie auch Reichelt selbst – mitsamt der politisch-medialen Klasse Israels und den christlichen Zionisten weltweit – permanent vom „jüdischen Staat“ zu reden. Das Judentum ist eine Religion, kein Staat. Israel ist ein zionistischer Staat – und Herzl selbst war derjenige, der das zugegeben hatte. Das Warten auf die Ankunft des Messias ist schließlich Kernelement des Judentums, nicht aber grundlegend für den zionistischen Staat. Ganz im Gegenteil. Im zionistischen Staat hat man den jüdischen Glauben längst insofern „modernisiert“, als daß gilt, der Messias könne durchaus und längst in Gestalt eines heute bereits lebenden Israelis angekommen sein. In der Gestalt Benjamin Netanyahus zum Beispiel. Oder in der eines anderen Zionisten. Und behaupte keiner, das hätte mit der irdischen Ungeduld derjenigen zu tun, die es im Angesichte der viel zu kurzen Dauer eines Menschenlebens gar nicht mehr erwarten können, zu ihren eigenen Lebzeiten noch das gelobte Land des Herrn zu erblicken und sich so die eigene Auserwähltheit zu bestätigen. Welche Ausmaße dieses „gelobte Land“ hätte, verriet erst kürzlich wieder der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich, Hardcore-Zionist und bekennender Faschist.

Meine Prognose: Um Smotrichs „jüdischen Staat“ zu verwirklichen, müsste wieder jede Menge zionistischer Terrorismus fällig werden. Stimmt’s, Reichelt? Ob’s stimmt, wollte ich wissen, nicht, was du alles veröffentlichen mußt, damit du dir auch morgen noch eine Laberkässemmel kaufen kannst. Übrigens steht das Halstuch von Baerbocks Büroleiterin etwa im selben Verhältnis zur Kufiyah wie die Landhausmode zur bayerischen Tracht. Und wie gesagt: Tausend bessere Gründe gäbe es, die Grünen in Grund & Boden zu schreiben, als ausgerechnet ein belangloses Stofftuch.



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